Heiliger Zorn. Roman.
Richard Morgan, Heyne 2006


Morgans dritter Roman läßt den ehemaligen Envoy-Soldaten Takeshi Kovacs, den wir bereits aus den Vorgängern "Das Unsterblichkeitsprogramm" und "Gefallene Engel" kennen, auf seinen Heimatplaneten "Harlans Welt" zurückkehren. Dort herrscht die Oligarchenfamilie Harlan, unangetastet und unangreifbar, und das Tagesgeschäft teilen sich die Familienoberhäupter der organisierten Kriminalität, repräsentiert durch die Yakuza und die Haidcui. Durch einen Zufall, so es derlei überhaupt gibt, trifft Kovacs auf eine Frau, in der sich die seit dreihundert Jahren totgeglaubte Rebellenführerin Quellcrist Falconer zu manifestieren scheint, der einzige Mensch, der es je schaffte, eine Bedrohung für die festgefügten Machtstrukturen zu sein.

Morgan zeichnet eine düstere, gewalt- und sexreiche Welt, in der Menschen nach ihrem Tod "resleevt" werden können, indem man ihren Leichen den "Stack" aus der Wirbelsäule schneidet und ihn einem neuen Körper implantiert - sofern sich der Stack-Besitzer derlei leisten kann. Der "tägliche" Tod hat hierdurch seinen Schrecken verloren, einzig der "reale Tod" durch Einschmelzen des Stacks wirkt als ernsthafte Bedrohung - sofern es kein Backup gibt. Und offensichtlich haben sich diverse Interessengruppen eines älteren Backups von Kovacs' Stack bemächtigt, denn einer seiner Gegner in diesem Roman ist kein geringerer als er selbst.

Der Autor gibt sich nur selten mit Erklärungen ab, und so rätselt man seiten-, manchmal kapitellang, worum es gerade geht, technisch wie dramaturgisch. Einige dieser Rätsel scheinen sich auch am Ende nicht aufzulösen, aber das nimmt dieser vortrefflich verfaßten Cyberpunk-Odyssee nichts von ihrem Reiz, und der ist groß. Neben Dan Simmons, Richard Morgan und einigen wenigen anderen gibt es momentan kaum SF-Autoren, die es immer noch schaffen, originelle, überraschende und anspruchsvoll geschriebene Romane zu verfassen. Sehr lesenswert, wenn auch zuweilen etwas anstrengend.

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