Nachteulen. Roman.
Chuck Klosterman, S. Fischer
2010

Nachteulen

Alles scheint zu stimmen, aber ...

Vorweg: Für den deutschen Titel (OT: "Downtown Owl") ist den Mitarbeitern von S. Fischer eine Nominierung für die "Rosa Banane für die schlechteste Übersetzung eines ausländischen Titels" sicher, wahrscheinlich sogar ein vorderer Rang bei der Preisvergabe. Was unsereins unter Nachteulen versteht, insofern sich der Begriff auf Menschen bezieht, kommt im Buch jedenfalls nicht vor.

North Dakota, Sommer 1983: In einem Provinznest namens "Owl" (Eule) leben unter anderem Mitch, der Highschool-Schüler, der vom Baseballtrainer verachtet wird und eigentlich nicht weiß, warum er unbedingt Quarterback sein sollte - oder was diese Verachtung speist. Horace, der Siebzigjährige, dessen Frau vor fast zwanzig Jahren gestorben ist, weil sie eine bis zu diesem Zeitpunkt unbekannte und unheilbare Krankheit hatte, die ihre Fähigkeit vernichtete, schlafen zu können. Und Julia, die junge und gutaussehende Lehrerin, die für ihren ersten Job ins nordamerikanische Nirwana umziehen musste. Aus der Sicht dieser drei Personen schildert Chuck Klosterman deren Erlebnisse und viele weitere, über einen Zeitraum von knapp acht Monaten hinweg - bis zum Februar 1984, als ein gewaltiger Blizzard die Gegend heimsucht.

Nebenfiguren sind ein Lehrer, der regelmäßig Affären mit Schülerinnen hat, zwei Jungs, die vermeintlich unbedingt miteinander kämpfen müssten, um endlich zu ermitteln, wer der stärkere ist, was diese beiden aber eigentlich nicht interessiert, zudem eine Runde von älteren Herren, mit denen sich Horace täglich zum Kaffee trifft, und ein junger Bisonzüchter, der einen großen Augenblick beim Baseball hatte und seitdem auf diesen reduziert wird, tatsächlich aber nie ein guter Spieler war - und so weiter. In vielen Episoden und eingebetteten Rückblenden erzählt Klosterman vom Leben in der Kleinstadt, von den Abenden, die sich Julia saufend um die Ohren schlägt, von Befindlichkeiten, Träumen, Annäherungen und Missverständnissen.

Es gelingt ein sehr anschauliches Bild, eine Milieustudie, was nicht immer spannend ausfällt, aber auch nie wirklich langweilt, vor allem, weil Klosterman mit Stilen und Erzählweisen spielt. Das Problem dieses fraglos sehr kunstfertig verfassten Buches besteht darin, dass es zwar sehr viel Reflexion gibt, aber so gut wie keine Emotionen. Der Autor hält Distanz, wodurch eine Art Bericht entsteht, ein zwar sehr prosaischer und detailreicher, der keine erkennbaren erzählerischen Mängel aufweist, sich aber der Identifikation verweigert. Auch das verblüffende und mit fraglos exzellentem Timing ausgestattete, sehr zwingende Ende beseitigt diesen Missstand nicht.

"Nachteulen" ist ein Roman ohne zentralen Konflikt. Die Verbindung der vielen Figuren miteinander lässt sich auf die Ortschaft reduzieren, in der sie wohnen; es werden Lebensgeschichten und -entwürfe erzählt, aber eine übergreifende Geschichte - abgesehen vom verbindenden Ende - fehlt. Das ist auch sehr gelungen, aber auf seltsame Art trotzdem nicht befriedigend. Irgendwie ein sehr gutes Buch, aber dann doch wieder nicht.

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