Die vierte Hand. Roman.
John Irving, Diogenes 2002

 

Irving hat Figuren wie Garp ("Garp und wie er die Welt sah"), Owen Meany ("Owen Meany"), Wilbur Larch ("Gottes Werk") und Fred "Bogus" Trumper ("Die wilde Geschichte vom Wassertrinker", mit großem Abstand mein Irving-Favorit) geschaffen.
Die neue heißt Patrick Wallingford, und sie bleibt leider so belanglos, wie ihr Name. Nach dem Flop "Witwe für ein Jahr" (2001) und dem Oscar für das Drehbuch zur wirklich *netten* Verfilmung von "Gottes Werk" war eigentlich mal wieder Zeit für einen "richtigen" Iriving. Aber vielleicht .. vielleicht ist die Zeit ja einfach vorbei.

Patrick Wallingford ist der "Löwenmann", seitdem ihm der König der Tiere vor laufender Kamera eine Hand abgefressen hat. Der überaus gutaussehende Fernsehmoderator genießt als solcher einen zweifelhaften Ruhm, der auch dadurch genährt wird, daß er einfach *alles* vögelt, was ihm vor die Flinte kommt - bis er Doris Clausen trifft. Doris hat ihren Mann dazu gebracht, Organe und Körperteile im Todesfall zu spenden; Patrick bekommt Ottos Hand, nachdem sich dieser versehentlich im Bierlaster erschossen hat, und er zeugt kurz vor der Operation das Wunschkind, nach dem sich Doris und Otto jahrelang vergeblich gesehnt haben.
Wallingford verliebt sich in die werdende Mutter, aber Doris will nichts mehr von ihm wissen - durchaus jedoch von der transplantierten Hand. Wallingford darf Doris besuchen, bis Otto junior geboren wird, und dann fällt die Hand wieder ab. Wallingford ändert sich durch die Begegnung, wird ehrlicher und emotionaler, aber die Antwort auf die Frage nach dem "Warum" wird höchstens angedeutet. Nicht nur an dieser Stelle.

Es gibt noch eine Nebenhandlung um den Handchirurgen, der Wallingford operiert, und *eigentlich* sollte es auch irgendwie um Medien, Berichterstattung, den Kontext von Nachrichten und die Ethik der Sender gehen. Das jedoch passiert auf einem Niveau, über das jeder halbwegs mentalkompetente Fernsehzuschauer auch verfügt; die Kritik ist tautologisch und überflüssig, und außerdem nicht geeignet, die dürftige, höhepunktfreie Handlung des Romans zu tragen. Auch Irvings beliebtes Stilmittel der pausenlosen Wiederholung oder der maßlosen Übertreibung sexueller Reize hilft hier nicht; "Die vierte Hand" bleibt flach und *einige* Erklärungen schuldig. Insbesondere die letzten Kapitel erwecken den Eindruck, good old John hätte einfach keinen Bock mehr gehabt; die Handlung schlingert erklärungsarm, aber metaphernreich auf ein fades Ende zu, das es leicht macht, den Roman ohne einen weiteren Blick ins Regal zu schieben.

Irving war einmal ein Chronist; Romane wie "Garp", "Das Hotel New Hampshire" und "Gottes Werk" sind Zeitdokumente, die zartfühlend und ambitioniert, insbesondere aber *fundiert* Kritik übten und die bezogene Position emotionsreich verdeutlichten. In "Die vierte Hand" ist er jedoch zum Ana-Chronisten geworden; das Buch ist müde, der lahme Kontext eigentlich keiner vordergründigen Kritik würdig, die außerdem andere wort- und argumentreicher bereits vielfach formuliert haben. Es ist ein wenig frustrierend, als ehemaliger Fan den deutlichen Verfall des Anspruchs eines jener Autoren zu erleben, die nicht nur eine ganze Generation zum Lesen, sondern auch zum *Schreiben* gebracht haben, andererseits ist es nicht die Schuld des Kritikers, daß Irving die Kurve nicht gekriegt hat und nur noch belang- und herzlose Bücher auf den Markt wirft.

Tonne.


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