Alles was Du brauchst. Roman.
Alison Louise Kennedy, Wagenbach 2002


Eine Übung bei vielen "Kreatives Schreiben"-Workshops besteht darin, sämtliche Adjektive und Adverbien zu streichen, um zu überprüfen, ob der Text trotzdem noch zu seiner Aussage, seiner Handlung kommt. A.L. Kennedy war in dem anderen Workshop.

Die nunmehr neunzehnjährige Mary Lamb wurde im Kleinkindesalter zu den "Onkels" gebracht, dem Mutterbruder Bryn und seinem Lebensgefährten Morgan, die in einem walisischen Nest ein beschauliches, überaus achtsames Leben führen, all ihre Liebe und ihr Wissen dem Mädchen vermitteln, das nie wieder von der Mutter hörte, und von ihrem Vater glaubt, er sei tot. Eben jener Vater aber, der bekannte Schriftsteller Nathan Staples, lebt auf Foal Island, in einer Art Künstlerkolonie. Nathan und die anderen fünf Schriftstellereremiten bieten Mary ein Stipendium an, denn Mary gilt als begabt. Sie trennt sich von den Onkels und der zarten, tastenden Liebe zu Jonathan, genannt Jonno, zieht auf die herbe, etwas wilde Insel, um ausgerechnet bei ihrem Vater in die Lehre zu gehen. Ohne zu wissen, wer sich wirklich hinter dem einsamen, aufbrausenden, nur beim Schreiben die richtigen Worte findenden Mittvierziger verbirgt.

Kennedy begnügt sich mit einer Handvoll Figuren, aber bei diesen wenigen schlägt sie mit voller Wucht zu. Da sind die beiden Onkels, Nathans versoffener Lektor Jack D. Grace, Joe, der einzige Schriftsteller auf der Insel, der nicht mehr schreibt, sich dafür um die anderen kümmert, Richard mit seiner promisken Ehefrau Lynda, das Paar, das sich wie zwei Enden eines Gummiseils ständig voneinander entfernt, um heftig wieder aufeinander zuzukommen, Louis, der hedonistische Historiker, Ruth, die dickliche, einsame Autorin, die seit einem Haibiß von nichts anderem mehr reden kann. Sogar Eckless, Nathans Hund, wird zur aktiven Persönlichkeit.

Das Buch handelt in erster Linie vom Schreiben, genauer gesagt von der Bedeutung und Anordnung der Worte, und konsequenterweise wird jede Szene, jeder Dialog um das Gedankenkostüm jeweils eines Beteiligten ergänzt, in der Hauptsache Mary und Nathan. Die beiden nähern sich an, Mary gelingt es, Nathans Panzer zu durchbrechen, aber das hindert natürlich niemanden daran, jedwedem sich bietenden Mißverständnis zu erliegen, Porzellan zu zerbrechen, dem Schritt aufeinander zu wieder den gegenteiligen folgen zu lassen. Aber "Alles was Du willst" ist viel, viel mehr als die Geschichte von Vater und Kind, die zueinander finden, weitaus mehr als eine Abhandlung über den Weg zum wirklichen Schriftstellersein, es ist ein extrem eloquentes, eindringliches, sehr nahes, einfach toll geschriebenes Buch über Freundschaft, Liebe, Träume, Wünsche, Tod, Achtsamkeit und Ehrlichkeit.
Bemerkenswert ist die dramatische Tiefe, die Kennedy jedem noch so kleinen Ereignis zu geben in der Lage ist, vor allem aber ihre Diktion, ihre sprachliche Größe, ihre Fähigkeit, immer jene Worte zu wählen, die einem beim Lesen als die einzig möglichen, richtigen vorkommen. Fantastisch. Was für ein Buch. Völlig unmöglich, den Eindruck in angemessene Worte zu fassen.


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