Cocksure. Roman.

Mordecai Richler, Liebeskind, Februar 2008

Nun hat der Liebeskind-Verlag das Frühwerk des "meistgelesenen kanadischen Autors" sieben Jahre nach dessen Tod veröffentlicht. Der recht kurze Roman "Cocksure", was so viel wie "todsicher" heißt, sich aber hauptsächlich auf die Angst des Protagonisten bezieht, ein zu kurzes Glied zu haben, ist 1968 entstanden. Er spielt im London der Sechziger, der "Swingin' Sixties", womit in erster Linie der herzhafte Drang zum Ausprobieren aller möglichen sexuellen Spielarten gemeint war.
Mortimer Griffin ist Lektor im angesehenen britischen Oriole-Verlag, der an einen ominösen amerikanischen Multiunternehmer namens "Star Maker" verkauft wurde. In Windeseile krempelt dessen mafiöser Kronprinz das Verlagshaus um; es wird eine Reihe von Biographien aufgelegt, die Leute betreffen, die man heutzutage als C-Promis bezeichnen würde, aber die Bücher werden zu Bestsellern, weil alle biographierten Personen kurz vor dem Erscheinen der Werke sterben. Das aber ist nicht das einzige Problem, mit dem Mortimer zu kämpfen hat. In einer Zeit, in der es als schick gilt, fremdzugehen, plagen den gutaussehenden, aber eigentlich ziemlich spießigen Vierziger Ängste, die jeder Pubertierende kennt. Während die eigene Frau mit einem promisken Künstlertypen herummacht, bleibt es auf Mortimers Seite bei der Vortäuschung einer Affäre. Außerdem unterstellt ihm sein (ehemals) bester Freund und Lektorenkollege Antisemitismus, ein Vorwurf, der zum bedrohlichen Problem wird, weil Mortimer bei seinen wöchentlichen Literaturvorträgen mit einer wachsenden Zahl jüdischer Mitbürger konfrontiert wird, die ihm unterstellen, eigentlich Jude zu sein, es nur nicht zuzugeben, was ihn in deren Augen zu einer Art Phänomen macht - nämlich zu einem jüdischen Antisemiten. Dennoch favorisiert ihn der neue Verlagsinhaber als Nachfolger für den Chefposten. Griffin wählt den naheliegendsten Ausweg und verfällt dem Alkohol.
"Cocksure" thematisiert auf knapp 260 großzügig gesetzten Seiten so gut wie alles, was damals soziokulturell im schwingenden London geschah - die beginnende sexuelle "Befreiung", die auch auf Kinder ausgedehnt wurde, denen ultraliberale Lehrer empfahlen, die "Dinge" beim Namen zu nennen (so gut wie alles, was damals geschah, würde heute die Kinderschützer auf den Plan rufen); die Veränderung der Kunstszene hin zum "alles ist Kunst"; die Verkünstlichung der eigenen Persönlichkeit und den Jugendlichkeitswahn, auf die Spitze getrieben in der Figur des androgynen "Star Maker", der aus lauter Ersatzteilen besteht und ein Heer von mehr oder minder freiwilligen Organspendern mit sich reisen lässt; und den fast schon "schicken", aber offenbar - und verwirrenderweise - selten wirklich ernstgemeinten Vorwurf des Antisemtismus', den sich nach Richlers Lesart fast jeder anhören musste. Aus heutiger Sicht wäre vieles, was Richler seiner überforderten Haupt- und den seltsamen Nebenfiguren angedeihen lässt, pure Geschmacklosigkeit, und das Vergnügen, den eigentlich alles andere als interessierten Griffin mit den Trends und Entwicklungen dieser Aufbruchszeit konfrontiert zu sehen, hält sich doch in Grenzen. Dabei reicht der gegen Ende jeden Bezug zur Realität verlierende Roman an die Klasse von Richlers späteren Werken - etwa das wirklich bemerkenswerte "Wie Barney es sieht" - längst nicht heran. Ganz im Gegenteil. "Cocksure" ist zwar ein zeitgeschichtliches Dokument, aber literarisch betrachtet eine angestaubte, zuweilen desorientiert wirkende Satire, die sich an den eigenen Themen verhebt und über weite Strecken völlig konfus erscheint. Nicht wirklich ein Lesevergnügen.

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