Das Gottesurteil.

Jörg Chales de Beaulieu, Perigeo, Hameln 2000.

Die literarische Verarbeitung historischer Stoffe geschieht im Allgemeinen in monumentaler Form: Große Ereignisse werden mit einem gewaltigen Aufwand an Personen und Handlungsorten zu umfangreichen Epen verwoben - nicht selten auf Kosten der Qualität der Geschichte. Doch der Einfluss Hollywoods auf dieses Genre ist immer noch sehr stark. Nur selten finden sich historische Themen abseits ausgetretener Pfade wie Patrick Süßkinds Das Parfum.

Jörg Chales de Beaulieus Erzählung Das Gottesurteil ist ein Beispiel für diese Form historischer Literatur, die sich nicht als barockes Ölgemälde präsentiert, sondern wie mittelalterliche Buchmalerei.

Im Jahre 1448 wird das Gebiet von Soest bis über Paderborn hinaus von den Folgen der "Soester Fehde" zwischen zwei rivalisierenden Bischöfen heimgesucht. Die Landbevölkerung, die gerade eine weitere Pestepidemie überstanden hat, leidet unter den Übergriffen marodierender Söldnertrupps.

Elisabeth Terweys Mann ist auf Reisen, ein Bauer, der Vieh auf dem Markt verkaufen will; sie selbst freut sich voller Gottvertrauen auf seine Heimkehr, als ihr Vater Ferdinand Overholt auf dem Hof eintrifft und ihr offenbart, dass er ihren Mann tot glaubt und sie binnen eines Monats mit einem anderen Mann verheiraten will. Am selben Tag trifft auch der Bruder ihres Mannes, Engelbert Terwey, ein entlaufener Mönch, ein und verkündet, sein Bruder sei erschlagen und er selbst sei von Gott ausersehen, Witwe und Hof zu übernehmen. Gemeinsam machen sich die beiden Männer daran, die widerstrebende Elisabeth in eine neue Ehe zu nötigen.

Jeder wähnt sich im Recht: der Vater, ein harter Bauer, der die Tochter versorgt sehen will; der ehemalige Kleriker, der mit theologischer Spitzfindigkeit sein Anrecht geltend macht; und Elisabeth, die nach dem Tod ihres geliebten Mannes nur noch seinem Andenken leben will.

Die Ziele der Frau und der beiden Männer sind unvereinbar - also wird die Entscheidung mit abergläubischen Ritualen gesucht: zunächst bei Sehern, dann in der Heiligen Schrift, was für die Männer einen unerwarteten Ausgang nimmt.

Dreißig Jahre später, nach Elisabeths Tod, führen die beiden Männer Anklage vor Gottes Richterstuhl.

Drei Anschauungen prallen in diesem Konflikt aufeinander, alle fordern sie ihr Recht: der allzu irdische, ja fast diabolische Vater, der alles dransetzt, nicht für die verwitwete Tochter sorgen zu müssen; der Schwager, der in gut alttestamentarischer Tradition die Witwe des Bruders übernehmen will; und die Frau, die das Andenken an eine vollkommene Ehe treu bewahren will.

Die Auseinandersetzung wird mit verteilten Rollen vorgetragen, in der jeder gebührend Gelegenheit erhält, sich selbst zu rechtfertigen und zugleich zu entlarven. Insofern ist dieser Text - abgesehen von ein paar unbedeutenden historischen Ungenauigkeiten - eine Darstellung des Untergangs der eigentlichen mittelalterlichen Weltanschauungen nach den verheerenden Pestepidemien. Selbst wenn das Gottesurteil letztendlich zugunsten von Elisabeth ausfällt, die die eigentliche mittelalterliche Position vertritt.

Stilistisch gelingt dem Autor ein kleiner Kunstgriff: Im Wissen um die Unmöglichkeit, die Sprache des 15.Jahrhunderts angemessen wiederzugeben, verlegt er sich auf eine altertümelnde Kunstsprache, die - besonders im Falle des Vaters - durchsetzt ist mit Kraftausdrücken. Damit gelingt es ihm, trotz des geringen Umfanges der Erzählung eine angemessene Stimmung zu erzeugen. Insgesamt eine sehr lohnenswerte Lektüre, gerade für historisch interessierte Leser.

Das Buch bei Amazon

zurück

©2001 Iris Kammerer - Kontakt
Alle Rechte vorbehalten - All rights reserved