Drachenspiele. Roman.
Jan-Philipp Sendker, Blessing, Juli 2009


Drachenspiele


Paul lebt auf einer kleinen Insel vor Hongkong, ganz zurückgezogen, als seine chinesische Freundin Christine einen Brief bekommt. Ihr Bruder, von dem sie glaubte, dass er in den Wirren der Kulturrevolution umgekommen wäre, schreibt ihr.

Er braucht Hilfe. Vermutlich Geld?

Doch als Paul und Christine ihn besuchen, will er kein Geld. Er hat gehofft, dass Christine ihren Traum, Ärztin zu werden, wahrgemacht hätte. Denn seine Frau liegt im Koma und die Ärzte haben sie aufgegeben.

Nach und nach kommt die Vorgeschichte heraus. Die Kulturrevolution, dass der Bruder die eigene Familie als Vierzehnjähriger verraten hat und selber verraten wurde, der Terror der chinesischen KP damals und wie mächtig sie immer noch ist. Denn die Frau hatte keinen Schlaganfall, sondern hat zuviel Fisch gegessen. Aus einem See, in den ein Chemiekombinat Abwasser einleitet.

Was in den USA zu einem aufsehenderregenden Prozess mit hohem Schadensersatz führen würde, kann in China immer noch unter den Teppich gekehrt werden. Wer sich beschwert, landet schnell im Arbeitslager oder in der Psychiatrie, die Behörden können Leute willkürlich festsetzen und müssen nicht einmal bekannt geben, ob diese verhaftet wurden, geschweige denn, weswegen.

So entwickelt der Roman ein lebendiges Bild vom heutigen China, in dem die Mao-Bibel längst von Wirtschaftsnachrichten verdrängt wurde, in dem die Reichen tun und lassen können, was immer sie wollen, solange sie sich mit der Partei gut stellen. Unabhängige Gerichte sind unbekannt, Anwälte können ihre Lizenz verlieren, wenn sie die falschen Leute vertreten und jeder hat Angst.

Der Fall scheint hoffnungslos. Auch weil die Kinder der Komapatientin zunächst keine Lust verspüren, die Sache aufzugreifen. Ihrer Mutter kann nicht mehr geholfen werden, dazu ist es zu spät. Warum dann das eigene Leben, die eigene Karriere aufs Spiel setzen?

Ausgerechnet Paul, der sich so ganz von der Welt zurückgezogen hatte, verfolgt die Sache. Mit der Naivität des Westlers, der an Gerichte und Gerechtigkeit glaubt, überzeugt er die Tochter. Die stellt Texte ins Internet – und verschwindet daraufhin spurlos. Zehntausende überwachen in China das Internet, erklärt der Sohn, die Sache dort publik zu machen, war Wahnsinn. Bis er dann auch im Internet anonym aktiv wird. Und das Internet hat in China Macht, selbst die sonst so mächtigen KP-Fürsten fürchten es und wenn eine Sache dort erst mal Wellen geschlagen hat, kann nicht einmal die allmächtige Partei das negieren.

Sendker hat einen überzeugenden Öko- uind Politthriller aus dem heutigen China geschrieben. Dass der Autor das Land kennt, merkt man. Eine gute Einstimmung auf China als Gastland der Buchmesse also, ein Roman, der ein Bild vom modernen China gibt, von politischer Korruption, Rechtlosigkeit und gleichzeitig von einer erwachenden Öffentlichkeit, die der Parteilinie längst nicht mehr zu folgen gewillt ist.

Aber Sendker hat leider nicht nur einen Öko- und Politthriller geschrieben. Vielleicht hat er seinen Figuren nicht getraut, vielleicht war er unsicher, aber er hat die Geschichte, die für sich schon dramatisch genug wäre, unbedingt weiter dramatisieren müssen. Paul betrauert melodramatisch den Tod eines krebskranken Kindes, die Freundin versammelt ebenfalls möglichst viel zusätzliche Dramatik um sich und an manchen Stellen liest der Roman sich dann denn auch wie Groschenheft. Schade eigentlich, denn die Geschichte selbst, von der Kulturrevolution bis zu den Boomtowns, von der Maobibel bis zum Internet ist dramatisch und realistisch genug und hätte das gar nicht benötigt.

Was außerdem auffällt: Der Verlag bewirbt es als Beispiel, wie groß der Gegensatz zwischen rationalem Westler und Chinesen sei. Und doch ist gerade an dieser Geschichte wenig fremd. Dass sich Menschen unter den geschilderten Umständen so verhalten, wie es die Angehörigen der chinesischen Komapatientin im Roman tun, dürfte auch dem rationalsten Westler einleuchten.

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